Archiv für den Tag: 12. Februar 2010

Berlinale eröffnet !

Warten auf die Karten

Am heutigen Donnerstag sieht die Lage schon etwas entspannter aus. Es ist Gott sei Dank nicht mehr so kalt wie gestern – gestern hatte die Kälte die Wartenden ganz schön mitgenommen.

Es schneite ja unaufhörlich und war bitterkalt und es war für Vorbeifahrende sicher witzig, dieses Häuflein Mensch zu beachten, wie es versuchte, sich durch Trippeln, Arme aneinanderschlagen, auf – und niederhopsen warm zu halten.

Heute also ist es fast lau :-).. aber das liegt auch daran, dass doch tatsächlich der Erste in der Schlange einen Gasofen dabei hat. Das ist natürlich DIE Idee, warum sind wir da nicht gleich drauf gekommen? Der Arme war auch wieder so schrecklich früh da, diesmal kommen aber alle anderen erst kurz vor sechs, weil man dieses lange Anstehen auf Dauer nicht aushält. Drei Stunden alleine mit dem Gasofen – welch furchtbare Vorstellung!

Die Schlange vertreibt sich die Wartezeit mit Geschichtchen:
“Einmal durfte ich mich zwischen die Jury setzen, weil dort noch Platz war.. plötzlich drängelte sich eine Dame durch die Reihe und rutschte aus… ich fing sie auf und siehe da: ich hatte Julie Christie in den Armen. Meine Frau bemerkte sofort den seligen Blick in meinen Augen, als ich abends nach Hause kam.”
“Ein anderes Mal kam die Filmkopie zu spät, so dass sie nicht mehr überprüft werden konnte. Als der Film anlief, merkte man, dass er keine Untertitel hatte und im Original Russisch war. Zur Überraschung aller meldete sich eine Dame aus dem Publikum, die den Film live ohne ihn zu kennen übersetzte und direkt einsprach..Alle Achtung!”

“Wisst ihr noch, wie man früher noch Chancen hatte, Karten für die Eröffnung der Berlinale zu bekommen? Damals waren auch noch mehr Filme im Wettbewerb, weil es die verschiedenen Sektionen nicht gab.”
Heutzutage ist es so, dass es eine Zweitvorführung des Eröffnungsfilms fürs Publikum gibt – in die Hauptaufführung gelangt man nur mit sehr sehr guten Beziehungen.
Die Schreiberin dieses Textes hat ein VIP-Angebot für Freitag erhalten, weil ein Freund eine Karte gewonnen hat. Welch eine Entscheidung!! Die mühsam ergatterten Karten für Freitag wieder verkloppen?? Um in einem VIP-Kreis von 6 Personen an einer Berlinale-Tour teilzunehmen: mit Champagner und Häppchen, Blick hinter die Kulissen, Pressegesprächteilnahme für den Film “Ghost Writer” und Ansehen des Films “The Howl” im VIP-Bereich und wieder Champagner und Häppchen.
Nach langem Hin und Her und gemeinsamen Diskussionen über das Für und Wider schenkt sie diese VIP-Einladung an einen guten Freund weiter, der immer extra aus dem Süden Deutschlands kommt, um an der Berlinale teilzunehmen.
Bei dichtem Schneetreiben ist dann abends ein Teil der Schlange zum Eröffnungsfilm des Panorama “Veselchaki” unterwegs, ein russischer Film über die Lebensgeschichten einer Gruppe Transsexueller, die in einem Club in Moskau auftreten. Sehr bewegend mit tollem Soundtrack, eindrucksvoller Kamera und begeisterten Schauspielern, die alle in der Realität keine Transsexuellen sind und sich in dieses “Drag Queen-Genre” erst einspielen mussten. Trotz aller Lockerheit, die rüberkommt, ist es ein mutiger und trauriger Film, der am Ende viel Applaus erhält.

Jetzt endlich ist es soweit: die Erkennungsmelodie der Berlinale, etwas aufgepeppt mit einem Stern und dem 60-Jahre-Logo flimmert über die Leinwand und wir wissen, das Warten hat sich gelohnt: sie hat begonnen: die 60. Berlinale.

Nana Frisch